Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Vierte Abteilung.

Sechstes Kapitel

Ritter Brülar. Die Päpstin Johanna. Johannes. Deutschland

Der gute alte Bediente blieb, so lange er lebte, der Schutzgeist dieser Kinder, die alle, wie es in kräftigen Familien gewöhnlich, in großer Eigentümlichkeit, in wechselnder Leidenschaft und Feindschaft zu einander, eine kleine Welt in sich begründeten. Das fremdartigste Kind unter allen war der kleine Johannes, der schon vor seiner Geburt so gewaltsame Verwirrung in seiner Welt gestiftet hatte; er war durch jenes Ereignis beiden Eltern, was sie sich nicht eingestehen wollten, eine unangenehme Erinnerung geworden; sie ließen es ihn nie fühlen, aber Kinder fühlen die innere Gesinnung der Menschen gegen sie sehr leicht, sobald sie nicht absichtlich hintergangen werden. Wenn die Gräfin von allen andern Kindern sich umklettern ließ, und ihnen die Freude machte zu sagen, jetzt tue es ihr hier oder da weh, und die Kinder eifrig streichelten, gleich endete sie das Spiel, wenn der kleine Johannes es den andern nachmachen wollte; ich führe nur den einen Fall an, aber es gab unzählige dieser Art, während in allen bedeutenderen ein völlig gerechtes, gleiches Verhältnis zwischen den Kindern beobachtet wurde. Wir wissen, der alte Bediente starb; der Graf war nach allen Seiten beschäftigt, und die älteren Kinder in einem Alter von acht und sieben Jahren, bedurften nach dem Urteile Kleliens und des Grafen einer eignen Aufsicht, eines männlichen ernsten Unterrichts. Der Krieg hatte die Wege nach Deutschland gesperrt, es mußte daher ein Fremder gewählt werden: man schwankte zwischen verschiedenen Sizilianern; endlich machte auf dem Schlosse ein französischer Ausgewanderter, der Ritter Brülar, durch Empfehlung der Obristin aus Palermo, seine Aufwartung, und erbot sich zum Hofmeister. Die Obristin wußte nichts von den Leuten, als was sie ihr von sich erzählten, und wie sie sich ihr gefällig zu machen wußten, durch Lustigkeit und gesellige Unterhaltung. Lustig war der Ritter nur in seinem Äußeren, aber das unterschied sie nicht; sein Inneres war von der Zeit fürchterlich zerrissen, die ihn mit Anlagen, Kenntnissen und Geschicklichkeiten, welche zu den ersten Stellen führen konnten, plötzlich arm gemacht und in Länder verbannt hatte, deren Sprache er nicht einmal hören, vielweniger lernen mochte, von deren Treiben er gar keinen Begriff hatte, und sie darum in sich verspottete, während er sich der Leute durch Artigkeit zu bemächtigen wußte. Seiner politischen Meinung hing er mit ganzer Seele an; man lobte sie, aber nirgend sah er sie mit Ernst durchgeführt, obgleich manche den Schein davon annahmen; aus Überdruß und um davon zu leben, überließ er sich der Bekanntschaft reicher Frauen, doch eben der Überdruß, und endlich die Erschöpfung trieben ihn auch hievon zurück; er wollte ein Philosoph sein und heißen, und dieses Spekulieren brachte ihn wieder ganz in die Gewalt seines politischen Elements. Da er nirgend seine Gedanken in Ausübung bringen konnte, was er den Fürsten und Regierungen sehr übel deutete, so machte er sich, unabhängig von allen bestehenden Staaten, eine eigene politische Einwirkung und Verbindung; Völker hatte er nie geachtet, nur Systeme und Grundsätze; er vertraute sich so wenig wie möglich, er wollte die Menschen ohne ihr Mitwissen zum Glücke hinbetrügen. Seine Pläne waren weit aussehend: zuerst mußte er den Menschen die Künste verleiden, damit sie sich der Verzweifelung ganz hingeben, und dem blinden Wirken; zu diesem Zwecke stiftete er unter andern mit seinen Gleichgesinnten kritische Blätter, die jedem aufstrebenden Talente dreist in die Augen sagen mußten, es vermöge nichts; es sei überhaupt jetzt die Zeit nicht für Kunst; insbesondere suchte er sich aber die Kinder anzueignen. Zu seinen entscheidensten Unternehmungen suchte er die ausgezeichneten Kinder zu entführen; auch war ihm das schon mit mehreren gelungen, die er in einem sardinischen Kloster untergebracht hatte. Wir können nur aus Gerüchten über diese seine Verhandlungen sprechen, seine Sache ist in der Untersuchung wegen der vielen bedeutenden Menschen, die darin verwickelt waren, ganz unterdrückt worden; wir wissen nur bestimmt von ihm seit seinem Eintritte in das befreundete Haus des Grafen. Er wußte den Grafen durch seinen Ernst, durch seinen Anstand und seine Geschicklichkeiten zu gewinnen; er focht herrlich, war der beste Schwimmer, ritt wie ein Zentaur; durch seine Art des Absprechens, das meistens aus tieferer Kenntnis zu kommen schien, imponierte er ihm sogar. Dem Grafen waren die leeren Hülfsmittel des Streits ganz unbekannt; er konnte sich nicht denken, daß ein Mensch über etwas reden könne, ohne das Streben zu haben es recht eigentlich zu erfassen oder um darüber aus innerer Lustigkeit zu scherzen; wo er daher den Brülar nicht begriff, da dachte er sich eine höhere Verbindung in ihn hinein. Brülar wurde als Hofmeister der älteren Kinder angenommen; Vater und Mutter geboten den beiden Knaben unbeschränkte Folgsamkeit gegen ihren Führer. Diese Ermahnung war überflüssig; in jedem edlen Gemüte ist eine Ergebenheit gegen ausgezeichnete Menschen, die leicht gefährlich werden kann; wirklich war der Ritter in allem, was sie verstanden, ausgezeichnet: beide überließen sich ihm ganz; insbesondere schwebte aber Johannes an seinem Blicke, auch er zeichnete den Kleinen durch Härte und Güte aus. Es wurde ihm zuweilen ein leiser Vorwurf von den Eltern gemacht, daß sich dieses Kind gar nicht mehr um sie bekümmere, aber eigentlich war es beiden lieb, denn sie waren durch diese von ihm ausgehende Entfremdung des Scheins überhoben, als liebten sie ihn den andern Kindern gleich. Klelia hatte ihr Bedenken dagegen; aber sie sah die ausgezeichneten Fortschritte des Kindes, das mit liebevoller Anstrengung aller Kräfte beinahe allen Kindern seines Alters und manchen ältern, auch seinem Bruder überlegen war, und sie teilte mit allen im Schlosse die Achtung gegen den Ritter, der mit seinem ganzen Leben in einer fast schlaflosen Tätigkeit den Kindern anzugehören schien. Er war ungefähr ein Jahr im Schlosse, als die Herzogin mit den Ihren zu einer großen Tragödie eingeladen wurde, die in der Fastnacht in einem Kloster des heiligen Laurentius durch Veranstaltung der Mönche aufgeführt werden sollte. Brülar machte erst einige Einwendungen, ob man Kinder in solche törichte ungeregelte Possen bringen könne; aber die Gräfin verlangte es und er gab nach, wollte aber selbst wegen eines heftigen Kopfschmerzes nicht mitgehen. Die Fahrt war fröhlich; die vornehmen Gäste wurden von dem Prior und den ältesten Mönchen des Klosters mit großer Behaglichkeit empfangen; eine nahrhafte Bewirtung, ein reichliches Trinken war ihnen bereitet. Niemand weiß so zu genießen wie die Mönche, das Essen und Trinken treiben sie wie eine heilige Pflicht. Bald nachher wurden sie in einen großen Eßsaal gebracht, wo das Theater aufgeschlagen war: sie erhielten eigene abgesonderte Sitze; die Volksmenge lärmte unter ihnen; die Kinder hatten noch nie etwas der Art gesehen, und meinten, das sei schon die Komödie. Der Prior entschuldigte sich, daß sein Vorschlag ein neueres gutes italienisches Stück des Metastasio zu spielen nicht hätte durchgesetzt werden können, weil das Volk nach alter Gewohnheit durchaus die »Päpstin Johanna« verlangt habe; der Graf versicherte, das sei ihm auch viel lieber. Unterdessen begann die schlecht zusammengespielte musikalische Vorbelustigung, das Volk sang mit; endlich ging der Vorhang auf. Der Teufel in grimmigster Gestalt, schwarz, mit rotem Mantel, mit dem Pferdefuße, der Hahnenfeder, erscheint in einer wüsten Gegend und beklagt sich schmerzlich, was ihm durch den Papst für Abbruch geschehe; er wird dabei von Oferus unterbrochen, der ihm seine Dienste anbietet weil er dem Mächtigsten zu dienen entschlossen sei, und der Heidenkönig, dem er bis dahin gedient, sich vor dem Teufel gefürchtet habe. Der Teufel nimmt ihn mit Freuden an; er will ihn gleich gegen Rom und gegen den Papst führen, da müssen sie aber bei einem Kreuze vorbei; das will der Teufel umgehen; Oferus merkt's aber, und der Teufel gesteht seine Furcht, gleich sagt ihm Oferus seine Dienste auf, und will diesem Mächtigeren dienen. Vergebens ruft der Teufel: »Den du da siehst, der ist von Stein; da ist nicht Geist, da ist nicht Bein, den hat ein Steinmetz ausgemeißelt, mit roter Farbe ist er gegeißelt.« Oferus antwortete ihm: »Wie mächtig ist der Herre mild, daß er im schlechtesten Abbild dich wilden Teufel kann erschrecken; das muß den Glauben mir erwecken.« – Nach diesen Worten verläßt er ihn, und der Teufel beschließt seinen Plan gegen des Kindes Mutter Maria und gegen das Papsttum auf andere Art durchzuführen; er spricht: »Durch eine andere Jungfrau, die ganz mein, will ich verdunkeln jenes Thrones Schein. Ich zieh durch meinen Diener Spiegelglanz, (er kennt mich nicht, darum ist er mir treu) ein Mädchen auf, als wär's ein Knabe ganz, daß sich's am Wissen leer und eitel freu. Durch eitles Wissen steigt sie auf den Thron, auf dem einst Petrus auch gesessen schon, und spricht dem alten Christen Hohn, und achtet nicht auf Gottes Straf und Lehr, und jenes Papsttum, das in Schimpf vergangen, wird dann nach meinem Geist ganz neu anfangen; dies Kind soll sein der Antichrist, der alles zwingt mit seiner List, und die ihn hassen, selbst verführt, nach seiner Pfeif die Welt regiert, daß sie vergehet im Verderben, so will ich für die Hölle werben.« – Hierauf erzählt er, daß er in Mainz ein Mädchen als einen Knaben aufziehen lasse durch den gelehrten Spiegelglanz; es sei dieses das Kind eines Mönchs und einer Nonne, die mit einander gesündigt hätten, um ungeheuer büßen zu dürfen; er gehe jetzt hin unter der Gestalt eines großen italienischen Philologen Chrysoloras, dem Unterrichte eine feste Richtung zum Bösen zu geben. Das Theater verändert sich in einen Garten mit einem Lusthause; er tritt leise in den Garten, wo Johanna, so hieß das Mädchen, mit einer sehr schweren Arbeit beschäftigt war, die biblische Schöpfungsgeschichte in richtigen Alexandrinern zur Preisbewerbung auf der Klosterschule, deren erster Lehrer Spiegelglanz ist, zu erzählen und aufzuschmücken. Nun hatte sie den Tag über in der Bibel mit großer Freude gelesen und nicht davon kommen können; jede Stunde hatte sie sich der Arbeit erinnert, aber weder die Feder noch die Zeitmessung der deutschen Sprache angerührt, die ihr Spiegelglanz als sein Lieblingsbuch zur Seite hingelegt hatte; noch konnte sie sich entschließen, in dem Reimwörterbuche und in der Poetik zu lesen, die Spiegelglanz ihr besonders empfohlen hatte. Das gefiel dem Teufel gar nicht; er beschloß, durch die Stimmen aller in der Sommerluft schwärmenden, singenden, rauschenden Wesen, die kleine Johanna von der Arbeit zu rufen, die eben wieder aus dem Psalter nach der Schöpfungsgeschichte zurück geblättert hatte, ihre Arbeit endlich ganz ernstlich zu beginnen. – Wir wollen hier ihr ganzes Selbstgespräch mitteilen.

 

Gartenhaus mit offenen Türen

Johanna an einem Tische mit Büchern und Schriften liest und schreibt abwechselnd, dann liest sie vor:

Und Gott sprach: »Es werde Licht«, und es ward Licht ...

 Die Blumen im Fenster

 

            Wir welken im Licht
            Begießt du uns nicht,
            Wir schließen uns bald,
            Es dunkelt im Wald.

 Johanna liest weiter: Und Gott sprach: »Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an abgesondertem Orte, daß man das Trockne sehe.« Und Gott sehe, daß es gut war.

 Der Röhrbrunnen vor der Türe

 

            Ich laufe über,
            Komm her, du Lieber
            Und schöpf mich aus,
            Sonst lauf ich ins Haus.

Johanna liest weiter: Und Gott machet die Tier auf Erden, ein jeglichs nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art. Und Gott sahe, daß es gut war.

 Der Vogel auf dem Baume am Fenster

 

            Hör wie die Raupen
            Fressen im Laub;
            Mußt's nicht erlauben,
            Strafe den Raub,
            Liebliches Kind,
            Hilf mir geschwind.

 Johanna liest weiter: Und Gott sprach: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei; die da herrschen über die Fische im Meer und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kreucht.«

 Die Fliege auf dem Tische

 

            Hör ich deinen Kopf so brummen,
            Oder muß ich selbst so summen?
            Trank vom allerbesten Wein,
            Schlief beim letzten Tropfen ein,
            Setz mich nun auf deine Nase,
            Daß ich höre, wie sie blase.

 

Johanna schlägt ungeduldig nach der Fliege und liest weiter: Und Gott der Herr machet den Menschen aus dem Erdenkloß und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.

Die Mücken, die zum Fenster hinausfliegen

 

            Hab dich umflogen,
            Blutiges Feuer
            Glänzt mir im Leibe,
            Das ich beim Schreiben
            Dir ausgesogen;
            Tieferes Feuer
            Glänzet im Abend,
            Tanz ich im Glanze,
            Vergeht es so labend.

Johanna kratzt sich an Händen und Füßen, dann lieset sie weiter: Und Gott der Herr pflanzet einen Garten in Eden und setzet den Menschen drein. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum des Erkenntnisses vom Guten und Bösen.

Der Baum vor dem Fenster

 

            Über deinem Haupte
            Schweben die Sorgen,
            Über meinem belaubten
            Haupte wie Morgen
            Glänzet der Abend;
            Kühlend und labend,
            Schwebet der Vogel,
            Rauschet der Wind.
            Liebliches Kind
            Steige geschwind
            Mir auf die Äste,
            Die ich im Weste
            Neige und zeige,
            Zeig dir ein Nest,
            Halte dich fest,
            Steige hinein,
            Alles ist dein;
            Zeige dir Früchte,
            Glühend im Lichte,
            Kühlend im Mund
            Saftig und rund.
            Aller der Tage
            Arbeit und Plage
            Himmlischer Lohn,
            Gibt dir mein Thron;
            Herrlich ist wohnen
            Hier in den Kronen.

 

Johanna sieht ihn lange an und liest weiter: Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: »Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; aber von dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen, denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.«

Ein Schmetterling, der durch die Fensterscheiben fliegen will

 

            Was gähnst du wieder
            Und streckst die Glieder?
            Springe mir nach
            Heiter und wach;
            Noch nimmermehr
            Kam ich hieher,
            Kann nicht heraus
            Hier aus dem Haus,
            Habe kein Bangen,
            Lasse mich fangen,
            Laß mich am Kranz
            Spielen im Glanz.

Johanna

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