»Spektakel der Macht - Rituale im alten Europa 800-1800«

Das Kulturhistorische Museum Magdeburg steht in der Zeit vom 21.09.2008 bis zum 04.01.2009 im Zeichen machtvoller Handlungen. Die Ausstellung »Spektakel der Macht. Rituale im Alten Europa 800 – 1800« begibt sich auf die Spuren der Rituale, die noch heute bei der Vereidigung eines neuen Staatsoberhauptes, bei der Wahl eines Papstes oder der Eröffnung eines Parteitags präsent sind.

Woher kommen diese Rituale, welche Bedeutung hatten sie und wie haben sie sich über die Jahrhunderte bis zur Gegenwart verändert? Auf 750 qm Ausstellungsfläche sind rund 250 hochrangige Leihgaben aus europäischen Museen, Bibliotheken und Schatzkammern erstmalig unter dieser Fragestellung versammelt. Die Ausstellung widmet sich einem faszinierenden Bereich unserer Geschichte vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution, der seit acht Jahren im Zentrum des geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichs an der Universität Münster steht.

Seit dem Jahr 2000 widmet sich der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Sonderforschungsbereich 496 der Universität Münster diesem faszinierenden Bereich unserer Kulturgeschichte. Durch die Kooperation mit dem Kulturhistorischen Museum Magdeburg ist es erstmals möglich, 1000 Jahre europäischer Ritualgeschichte in einer kunst- und kulturgeschichtlichen Ausstellung zu präsentieren und die Ergebnisse aktueller wissenschaftlicher Forschung für die Museumsbesucher anschaulich umzusetzen.

Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die freundliche Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Stadtsparkasse Magdeburg, der Kulturstiftung Kaiser Otto sowie der Lotto-Toto Sachsen-Anhalt GmbH und der ÖSA Versicherungen. Der Medienpartner ist das Kulturradio MDR-Figaro.

„Die Unterstützung der hochkarätigen Magdeburger Ausstellungsvorhaben stärkt den Standort Sachsen-Anhalt insgesamt", betont Claus Friedrich Holtmann, Vorstandsvorsitzender der Ostdeutschen Sparkassenstiftung. »Bereits 2006 förderten wir die international beachtete Ausstellung zum Heiligen Römischen Reich im Kulturhistorischen Museum. Aufsehen erregende Projekte wie diese beweisen, dass unsere ostdeutschen Museen in der Spitzengruppe angekommen sind.«

Im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit sprach man nicht von Ritualen, sondern von spectacula. Damit meinte man feierliche öffentliche Akte, bei denen man genau hinsehen musste, weil sie die politische und soziale Ordnung darstellten und so zugleich herstellten.

»Spektakel der Macht« waren sie, weil sie Macht sowohl sichtbar machten als auch verliehen. Im Alten Europa gab es eine gemeinsame Kultur der Rituale. Auf ihr basierte ganz wesentlich die bestehende Ordnung. Einige dieser Rituale gibt es noch heute, viele andere nicht. Uns trennt von den Ritualen der Vormoderne die tiefe Zäsur der Revolutionsepoche um 1800.

Nur vor dem historischen Hintergrund kann man angemessen beurteilen, welche Rolle Rituale auch heute noch spielen: Ob heute ein Präsident vereidigt, ein Papst gewählt oder ein Friede geschlossen wird – Rituale der Macht sind allgegenwärtig. Doch begründen sie immer noch die Ordnung unseres Zusammenlebens? Die Ausstellung regt dazu an, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Ritualen im Alten Europa und in der Moderne nachzudenken.

Die Ausstellung greift aus der Fülle der alteuropäischen Rituale eine Gattung heraus: Rituale der Einsetzung. »Einsetzung« ist in einem sehr wörtlichen Sinne zu verstehen. Jemand wurde in ein Amt, einen Status, eine Würde eingesetzt, indem man ihn buchstäblich auf einen Thron, einen Altar, einen Stuhl oder Katheter setzte – je nachdem ob er Kaiser, Bischof, Ratsherr oder Universitätsrektor war. Wie die Teilnehmer an den Ritualen selbst durchwandern die Besucher im ersten Teil der Ausstellung die einzelnen Stationen dieser Einsetzungsrituale: von der Wahl über die feierliche Prozession, die Einkleidung bis zu den eigentlichen Akten der Einsetzung im Rahmen eines Gottesdienstes. Bestätigt und gefeiert wurde der neu errungene Status beim abschließenden Mahl.

Die zweite Hälfte der Ausstellung vertieft einzelne Aspekte der Ritualkultur: elementare Formen und Funktionen, Dauer und Wandel, Parodie und Umkehrung von Ritualen. Bestimmte Gesten, Symbole und Formeln begegnen uns immer wieder in ganz verschiedenen Ritualen. Sie bildeten ein über die Jahrhunderte erstaunlich konstantes symbolisches »Grundvokabular«: Gebärden wie Kniefall oder Handschlag, Gegenstände wie Krone, Stab oder Ornat, Sprachformeln wie Gruß oder Eid. Dass wir ihre Bedeutung noch heute verstehen, zeigt der Kniefall Willi Brandts 1970 vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos – ein Aktualitätsbezug in Form von neuen Medien wie Film und Fernsehen, den die Ausstellung an ihr Ende gesetzt hat.

Zuvor erwarten den Besucher aber noch zwei weitere Sektionen, darunter die Parodie und Umkehr von Ritualen. Dieser Raum vermittelt eine besondere Faszination, da er in eindringlichen Bildern zeigt, dass die Welt der Rituale keineswegs heil war. Rituale konnten gestört werden, sie konnten misslingen oder ins Gegenteil verkehrt werden, womit sie die Teilnehmer der Lächerlichkeit preisgaben.

Mit der Französischen Revolution erfolgte ein unumkehrbarer Bruch mit der alten gesellschaftlichen Ordnung, der die traditionelle Ritualität in Frage stellte. Eine neue politische Kultur wurde begründet – begleitet von neuen Werten, die sich in neuen Ritualen und Symbolen ausdrückten. Im vorletzten Raum der Ausstellung wird der Besucher mit diesem fundamentalen Umbruchprozess um 1800 konfrontiert.

Die großen Herrschaftsrituale waren prunkvolle Feste, Spektakel außerhalb des alltäglichen Lebens. Die Form und Kostbarkeit der dabei verwendeten Artefakte und die Kunstwerke, die jene Ereignisse reflektierten, brachten schon aufgrund ihrer besonderen Ästhetik den Betrachter zum Staunen. Den Auftakt der Abteilung Kaiserkrönung bildet eines der Hauptwerke der Ausstellung, das zugleich auch das Titelmotiv ist: das Tafelgemälde mit der Krönung Kaiser Heinrichs II. durch Papst Benedikt VIII. Im Kontext des Rituals der römischen Königswahl wird etwa das Nürnberger Exemplar der „Goldenen Bulle" von 1356 sechs Wochen lang präsentiert. Wertvolle Pontifikale des hohen und späten Mittelalters wie zwei römische Pontifikale des 14. Jahrhunderts, Leihgaben der Bibliothèque nationale in Paris, veranschaulichen mit ihren Miniaturen die Bischofsweihe.

Die Übergabe der neuen Amtsgewalt symbolisieren Exponate wie die Havelberger Mitra (14. Jh.) aus dem Dommuseum Brandenburg, eine spätmittelalterliche Elfenbeinkrümme eines Bischofsstabs aus dem Victoria & Albert Museum ebenso wie die Rektorszepter der Universität Halle.

Einer kleinen Auswahl der rituellen Grundelemente wie beispielsweise dem Kniefall sind Gruppen von Ausstellungsexponaten von besonders hochwertiger liturgischer und künstlerischer Qualität gewidmet. Darunter befinden sich auch zwei hochmittelalterliche Kreuze, die jeweils einen weltlichen und einen geistlichen Kniefall wiedergeben, so das Vortragekreuz des Kölner Erzbischofs Herimann II. aus dem Museum KOLUMBA in Köln und das Borghorster Stiftskreuz.

Den ordnungsstiftenden Charakter des Rituals veranschaulichen etwa zwei Gemälde von 1615, Leihgaben des Victoria & Albert Museum mit der Darstellung des »Ommegancks«, einer seit dem Spätmittelalter durchgeführten städtischen Prozession in Antwerpen.

Die Französische Revolution wird durch so signifikante Exponate wie dem „Eid des Marquis de Lafayette am Altar des Vaterlandes auf dem Föderationsfest von 1790" aus dem Musée Carnavalet in Paris oder dem »Triumph des französischen Volkes« von Jaques-Louis David aus dem Musée du Louvre in der Ausstellung vertreten sein.

Zur Ausstellung entstehen nicht nur ein prachtvoll illustrierter Katalog- und Essayband, sondern auch drei museumspädagogische Begleithefte für junge und ältere Besucher sowie Lehrer und Schüler. Unter dem Titel »Herrschaft und Rituale im Alltag« hat bereits seit Mai die erfolgreiche Museumsstadt »Megedeborch« im Innenhof des Museums für Kinder und Jugendliche ihre Tore öffnen. Die Ausstellung wird zudem durch ein Begleitprogramm bereichert, welches mit den beiden Vorträgen von Dr. Jürgen Hartmann, Mainz (Rituale der Republik. Die Visualisierung der Staatsidee der Bundesrepublik.), am 25.09.08 und Dorothee Linnemann M.A., Münster (Weihen – Krönen – Schwören. Was sind Übergangsrituale in Mittelalter und Frühe Neuzeit?), am 07.10.2008 beginnt.

Veranstaltungsinformationen:

»Spektakel der Macht. Rituale im Alten Europa 800 – 1800«
21.09.2008 - 04.01.2009 | Di. - So: 10:00 Uhr - 17:00 Uhr
Kulturhistorischen Museum Magdeburg
Otto-von-Guericke-Str. 68-73 | 39104 Magdeburg

 

Routenplaner zur Veranstaltung: